Improvisationstheater als ergotherapeutische Therapieform für Betroffene mit Morbus Parkinson

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Im Rahmen meines Masterstudiums führte ich in der Klinik Bad Pirawarth zwischen Dezember 2014 und Jänner 2015 eine Studie zum Thema „Improvisationstheater zur Beeinflussung der Symptomatik bei Morbus Parkinson“ durch. Bei der Auswahl des Themas für meine Masterarbeit wurde ich durch die positiven Rückmeldungen der PatientInnen im Rahmen des Sommerfests 2014 mit dem Thema „Alles Theater“ inspiriert.

Ich möchte mit diesem Artikel meine Studie vorstellen. Dazu gehe ich zu Beginn auf den Hintergrund zu Morbus Parkinson ein und beschreibe im Anschluss den Ablauf der Studie. Am Ende meines Artikels ist es mir ein besonderes Anliegen, einige Rückmeldungen der GruppenteilnehmerInnen anzuführen.

Soziale Interaktion bei Morbus Parkinson

Charakteristisch für Morbus Parkinson mit den motorischen Kardinalsymptomen Rigor, Tremor und Akinese ist der Abbau von dopaminergen Zellen im Gehirn. Die Degenerationsprozesse finden unter anderem im medialen präfrontalen Kortex und in der Amygdala statt. Diese Regionen sind für die Einschätzung der affektiven (Gefühle) und kognitiven (Intentionen und Motivationen) Zustände von anderen Personen verantwortlich. Aufgrund der genannten Abbauprozesse kann diese Fähigkeit beeinträchtigt sein, wodurch in weiterer Folge Einschränkungen hinsichtlich der sozialen Interaktion auftreten können. Der Untergang der dopaminergen Zellen beeinflusst somit sowohl motorische Prozesse wie auch die soziale Kompetenz.

Bisher wurde der Zusammenhang zwischen Improvisationstheater als ergotherapeutische Interventionsform und dessen Auswirkungen auf die soziale Interaktion bei idiopathischem Parkinson nicht analysiert. Meine Studie soll einen Beitrag dazu leisten, um das Wissen in diesem Bereich zu erweitern.                                                                                    

Forschungsfrage

Die Forschungsfrage der Studie lautet:
Welcher Unterschied kann vor und nach Durchführung von Theateraktivitäten mit Improvisationscharakter als ergotherapeutische Interventionsform bei PatientInnen mit idiopathischem Parkinson hinsichtlich der zeitlichen (Beginn, Aufrechterhaltung, Abschluss), nonverbalen (Blickkontakt, Mimik, Gestik, Ausdruck von Gefühlen) und verbalen (Sprach- und Stimmproduktion, Verständlichkeit, Kommunikation, Redefluss) Aspekte einer sozialen Interaktionssituation festgestellt werden?

Improvisation

Improvisation kann als eine aktuellere Variante des Stegreiftheaters gesehen werden. Bei Improvisation steht die Interaktion unter den DarstellerInnen und mit dem Publikum im Vordergrund. Dies unterscheidet Improvisationstheater wesentlich von anderen Theaterformen. Es gibt keine vorgegebenen Texte, Absprachen oder Regieanweisungen. Die Akteure werden durch Stichworte aus dem Publikum oder der Gruppenleitung dazu angeregt eine Szene zu entwickeln. Alle Elemente der Darstellung, wie die Inhalte, die Körperposition (sitzen, stehen, liegen), etc. können völlig frei gewählt werden. Fehler werden nicht negativ bewertet.

Studienablauf

Für die Studie konnte ich 11 StudienteilnehmerInnen rekrutieren. Eingeschlossen wurden PatientInnen mit idiopathischem Parkinsonsyndrom in leichter bis mäßiger Ausprägung. Leider war es nicht für alle TeilnehmerInnen möglich den Aufenthalt zu verlängern, sodass die Gruppe im Lauf der 6 Wochen kontinuierlich kleiner wurde. Da auch 3 Personen der Selbsthilfegruppe Gänserndorf teilnahmen, war es möglich insgesamt 5 Personen in die Datenerfassung miteinzubeziehen.

Die Studie umfasste 6 Wochen (5.1. – 13.2.2015). Die Therapieeinheiten fanden immer am Dienstag und Donnerstag statt und umfassten jeweils 90 Minuten. Als Gruppenraum hatten wir das Zimmer A10 in der Gartenvilla zur Verfügung. Um Aussagen über die Wirksamkeit der Therapie zu treffen, führte ich in der ersten und letzten Therapiewoche jeweils „Beobachtungsassessments“, genannt „ESI“ („Evaluation of Social Interaction) durch. Das heißt, dass ich jeden Studienteilnehmer/jede Studienteilnehmerin in verschiedenen Situationen des Alltags bzw. auch Therapiesituationen beobachtet habe. Diese Beobachtungen umfassten zwischen 10 Minuten und einer Stunde. Fokussiert habe ich mich dabei auf verschiedene Bereiche, welche die Qualität der sozialen Interaktion einer Person bestimmen, also Körpersprache, Artikulation, Aufnehmen von Blickkontakt, Initiierung und Abschluss einer sozialen Interaktionssituation, etc.

Inhalte der Therapieeinheiten

Insgesamt führte ich 8 Therapieeinheiten mit meiner „Theatergruppe“ durch. Für jede Einheit legte ich unterschiedliche Schwerpunkte fest (Kennenlernen, Mimik, Gestik, Gefühle wahrnehmen und ausdrücken, Interaktion – Beobachtung, Spiegeln, Einfühlen, Konflikte, Vertrauen,…). Der Ablauf der Therapieeinheiten erfolgte nach einem festgelegten Schema. In der ersten Phase lag der Fokus auf Übungen zum Ankommen und Aufwärmen. Im Hauptteil wurden diverse Improvisationsübungen durchgeführt. Zum Abschluss hatte jede Person die Möglichkeit Feedback zur jeweiligen Einheit zu geben bzw. seine Erfahrungen den anderen Gruppenmitgliedern mitzuteilen. Zum besseren Verständnis habe ich eine Einheit nachfolgend genauer beschrieben:

Phasen

Übungen

Aufwärmen

Raumlauf:
Durch den Raum gehen und dabei vorstellen, man ist wie Pudding, man begrüßt die Queen, man ist ein Alien,…

 

Moderner Kunsttanz:
Die Gruppenleiterin gibt eine Bewegung und einen Laut vor – alle anderen imitieren die Bewegung und den Laut. Danach geben TN der Gruppe einen Laut und eine Bewegung vor, die die anderen nachmachen.

Improvisation

Gegenstände zweckentfremden:
Das Publikum wählt einen Alltagsgegenstand aus. Zwei Darstellerinnen spielen dazu eine improvisierte Szene. Der Gegenstand wird dabei zweckentfremdet, z.B. wird ein Handy als Rasierer benutzt. Das Publikum soll raten, um was es sich handelt.

 

Marktschreier:
Auf einem Tisch werden versch. Alltagsgegenstände verteilt. 2 DarstellerInnen agieren als Marktschreier und preisen ihre Waren den Kunden (TeilnehmerInnen) an.

 

Klatschkreis:
Aufstellung im Kreis: Die Therapeutin klatscht und schaut dabei dem nächsten in die Augen. Das Klatschen wird in der Runde weitergegeben. Wenn man 2x klatscht soll die Richtung gewechselt werden. Die Übung wird auch mit Lauten „Da“, „Ii“ und „La“ durchgeführt.

 

„Was machst du da?“:
Eine Person beginnt eine pantomimische Szene (z.B. Boden kehren), eine andere Person kommt hinzu und fragt: „Was machst du da?“. Daraufhin gibt der Erste eine völlig absurde Antwort: z.B. „Ich koche eine Suppe.“. Das übernimmt die zweite Person als Handlungsanweisung und rührt beispielsweise in einem Topf. Dann kommt die nächste Person und fragt „Was machst du da?“

 

„Kaugummi – Geschichte“:
Die Prüferin liest eine Geschichte vor, in der verschiedene Personen mit unterschiedlichen Rollen vorkommen. Die jeweiligen Personen steigen in die Geschichte ein, wenn  sie darin vorkommen.

 

A-Z- Spiel:
2 Personen stellen eine Szene dar. Der Ort wird vom Publikum vorgegeben (Publikum gibt z.B. „im Kaufhaus“ und am „Markt“ vor). Jeder Satz, der gesagt wird beginnt mit einem Buchstaben fortlaufend nach dem ABC. Falls jemandem nichts einfällt, ruft er „Hoppala“. Die Person, die nicht weiter wusste geht hinaus und eine andere Person tritt in die Szene.

Feedbackrunde

Wie haben Sie die Einheit heute erlebt?
Was hat sie überrascht?
Gibt es Wünsche für die nächste Einheit?

Unterstützt wurde ich bei der Planung und Gestaltung der Therapieeinheiten durch die Improvisationsschauspielerin Anita Zieher. In der 4. Einheit mit dem Schwerpunkt „Gefühle“ hatte ich die Möglichkeit die Gruppe als Beobachterin zu erleben, da Anita die Einheit leitete.

Ergebnisse der Datenanalyse

Ein Vorher-Nachher-Vergleich der Ergebnisse der oben genannten Testungen mit dem „ESI“, ergab eine Verbesserung der Werte bei 4 der 5 getesteten StudienteilnehmerInnen. Ein Studienteilnehmer konnte den Status erhalten. Ich führe dies darauf zurück, dass sich der Studienteilnehmer vor der Durchführung der Interventionen bereits auf einem sehr hohen Level hinsichtlich Qualität der sozialen Interaktion befand. Er verfügte auch über Theatererfahrung. 

Rückmeldungen der StudienteilnehmerInnen

Ich persönlich konnte eine deutliche Entwicklung bzw. Veränderung jedes Gruppenmitgliedes bzw. der gesamten Gruppe feststellen. Introvertierte Personen kamen im Laufe der Einheiten mehr aus sich heraus. Innerhalb der Gruppe entwickelte sich eine sehr familiäre und vertraute Atmosphäre, die die TeilnehmerInnen dabei unterstützte sich mehr zu trauen bzw. die „persönlichen Grenzen“ auszutesten, wie es ein Teilnehmer treffend formulierte. Ich führe diese gruppendynamischen Veränderungen auch darauf zurück, dass es sich um eine relativ homogene und geschlossene Gruppe handelte. Der Ablauf der Einheiten wurde sozusagen „ritualisiert“, wodurch die TeilnehmerInnen zusätzlich Sicherheit erhielten.

Jeder Teilnehmer/jede Teilnehmerin legte zu Beginn des Projektes einen persönlichen Schwerpunkt fest, an dem er/sie arbeiten wollte. So konnte ich beispielsweise feststellen, dass Personen mit wenig bzw. starrer Mimik und Gestik bewusst versuchten ihre Ausdrucksmöglichkeiten in diesem Bereich zu erweitern. Die Lautstärke und Deutlichkeit der Artikulation war ein weiterer Schwerpunkt für einige TeilnehmerInnen. Auch hier war ein Lernprozess zu beobachten. Besonders herausfordernd war für viele Gruppenmitglieder die anfänglichen Hemmungen abzubauen bzw. vor anderen zu sprechen ohne im Vorfeld ein konkretes Konzept zur Verfügung zu haben.

Die Rückmeldungen der TeilnehmerInnen zu dieser neuen Therapieform waren durchwegs positiv. Ich habe von allen StudienteilnehmerInnen sowohl schriftliches als auch mündliches Feedback erhalten. Im nächsten Absatz habe ich eine Auswahl an Rückmeldungen angeführt.

Auf die Frage was den TeilnehmerInnen gefallen hat, bekam ich folgende Rückmeldungen:

„Die Basis – alles ist richtig/nichts ist falsch.“„Das sichtbare Aufwachen, das bereits nach wenigen Trainingseinheiten zu beobachten war.“; „Stegreif war wirklich lustig. Tanzen und Retten von Eva. Anitas Ausführungen und Tipps waren hilfreich und interessant.“; „dass ich mich sehr verändert habe und offener geworden bin.“; „dass es so unheimlich Spaß gemacht hat, dass ich am liebsten weiter machen möchte.“;  „Schade, dass es schon vorbei ist. Wünschenswert wäre eine Therapie ambulant.“; „weitere Übungen (ambulant)“; „Es hat mich gefreut neue Menschen kennenzulernen und mich selber in neuen Situationen.“

Diese Antworten erhielt ich auf die Frage in welchen Bereichen die TeilnehmerInnen profitieren konnten:

 „Ja. Im Kontakt mit anderen Patienten kann ich wieder meine frühere Kommunikationsfähigkeit nützen. In meinem Beruf wird das wieder sehr nützlich sein.“; „Sichereres Auftreten, kontaktfreudiger.“; „Ja, im Bereich Stimme besonders.“

„Ja, in den Bereichen Gestik und Kommunikation, weil das aufgrund des M. Parkinson eingetretene Versinken in sich selbst gelöst wurde.“

 

Als Fazit ist festzustellen, dass Improvisationstheater die Symptomatik bei Morbus Parkinson positiv beeinflussen kann und diese Therapieform eine Bereicherung für die Behandlung dieser oder auch diverser anderer Erkrankungen (z.B. Schlaganfall, Multiple Sklerose, etc.) sein könnte.

Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass einige Mitarbeiterinnen der Klinik auch bei den Einheiten dabei waren und mir Rückmeldungen geben konnten. Vielen herzlichen Dank! Ich möchte mich auch bei Herrn Reinhard Spiesberger für die Unterstützung bei der zeitlichen und organisatorischen Planung der Einheiten bedanken. Mein letzter Dank gilt Herrn Primarius Winkler für die hilfreichen Gespräche, Tipps und Studien.

Für weitere Informationen oder Fragen stehe ich gerne persönlich zur Verfügung. Die Studie wird voraussichtlich im „British Journal of Occupational Therapy“ veröffentlicht.

Häufige Fragen